Der Blick von oben

Komm herein in den Garten der Kurfürstin, tritt ein in das  blühende Reich der Sinne. Du wirst fragen und Bilder werden antworten: mit ihren Farben und Düften. Stille umgibt Dich, der ruhige Atem der Natur. Und es gibt Tage des Windes und des Regens, der frohen Gesellen und Verbündeten der Pflanzen und des Gärtners.

Sie dich um – du findest zierende Blütenpflanzen und Küchengewürze, mit allen Vorzügen der Gartenkunst bedacht und gepflegt sind die heilkräftigen Arzneikräuter, Obstbäume und Beerensträucher: das waren jene Gartenpartner, denen alle Liebe und Fürsorge Annas gegolten hat. Überall, wo sie lebte, hatte sie ihre Gärten in der Nähe – Schlossgärten in Dresden und Annaburg, in Stolpen, Torgau und natürlich in Augustusburg.  Hier, wo unser Weg hinführt, der neue Kurfürstin-Anna-Lehr-und Gedenkweg, angelegt im Jahr 2018 von der Stadt Augustusburg.

Freilich sahen Renaissancegärten zur Zeit Annas anders aus nach ihrem Charakter als Zier- und Lustgarten, zunehmend aber auch bei Anna als regelrechter Nutzgarten. Gelegentlich beschrieb sie ihre Anbauareale dem Volksmund entsprechend als Krätzgärtlein, so, wie man es heute noch hören kann. Ihre Schlossgärten waren auch die ihres Gemahls, des Kurfürsten August, der ebenso wie sie ein Gartenliebhaber war und sich besonders der Obstbaumzucht widmete. Der  Überlieferung nach betrieb er, nahezu fachmännisch und entsprechend professionell mit Werkzeug ausgerüstet, Aufzucht, Veredelung und Schnitt der Obstgehölze. Das war seine Spezialität wie es Annas zeitgemäß hochentwickelte Fachkenntnisse der Heilkünste und  der natürlichen Arzneimittel samt ihres Anbaus waren. Sie gründete die ersten Hofapotheken, in Dresden sowohl als auch in Annaburg und hatte einen anerkannten Namen als Heilpraktikerin. Sie kannte nicht nur alle einheimischen Heilkräuter ihrer Zeit, die wildwachenden wie die kultivierten, sie ließ sich aus allen erreichbaren Gegenden der Welt Pflanzen oder deren Samen, Auszüge und Rezepturen ihrer Nutzung zukommen. So manches kam durch sie aus der chinesischen Heilkunst zur Anwendung. Und wo sie einschlugen, baute sie fremdländische Kräuter an. So wurde Anna auch eine begehrte Partnerin in Gartenfragen. Sie korrespondierte faktisch mit allen Regentinnen und Regenten in Europa, aber auch mit Partnern im Nahen Osten, darüber hinaus pflegte sie Kontakte bis in den Fernen Osten. Besonders eng waren die Beziehungen zu den Kaisern, die in ihrer Zeit herrschten, nämlich Maximilian und ihm folgend dessen Sohn Rudolf. Beide waren leidenschaftliche Gartenliebhaber und ließen sich Pflanzen kommen aus allen Gegenden des großen Habsburgischen Reiches. Anna und August standen mit beiden Regenten auf sehr gutem Fuß und profitierten als erste von neuen Gartenreichtümern, die an die Kaiserhöfe nach Wien und Prag kamen.

Anna pflegte sich mit einem sehr begehrten Kräuterbranntwein zu revanchieren, den sie Aqua vitae nannte und an ihre Partner verschickte. Niemand aber erfuhr die Rezepturen der verschiedenen Varianten der Mixtur, die sie als Arzenei verstanden wissen wollte. Die Kräuterbeete, die wir beim Gartenrundgang besuchen, präsentieren uns Kräuter, die Anna nutzte, aber wir werden hinter ihr Aqua vitae genau so wenig kommen wie die Generationen vor uns.

Allerdings finden wir bei unserem Rundgang durch den Annagarten auch Pflanzen, die von der Kurfürstin erstmals nördlich der Alpen angebaut wurden, sie waren vorher im mittleren Europa nicht bekannt. Das betrifft z.B. die Quitte, den Wacholder, den Flieder, die Tulpe. Alle die Gartenschätze aus der Gunst des kurfürstlichen Paares Anna und August von Sachsen werden wir auf unserem Rundgang sehen.

Unser Weg eröffnet nun von diesem Areal aus eine ideale Beziehung zwischen Garten und Landschaft. Noch dazu auf dieser Höhe des Erzgebirges und an diesem offenen Hang des Augustusburger Schlossberges. Nahezu ein Idealfall des schönen Zusammenspiels von Natur und Menschenwerk. Die Bänke laden zum Verweilen ein, zur Augenlust, zum ruhigen Nachdenken, zum freien unbeschwerten Durchatmen. Der Annaweg ist sanfte Erholung wie er auch der unaufdringlichen Belehrung dienen soll – unterhaltsamer Lehrweg zu sein ist seine Bestimmung.

Weit hinaus in die erzgebirgische Landschaft werden unsere Blicke  geführt. Von dort aus steigt die Sonne auf, im Sommer kommt sie bei Altenberg über den Kamm, im Winter bei Seiffen. Die Morgensonne ist in diesem Garten ein Genuss für sich. Das ganze Osterzgebirge präsentiert seinen Kamm aus der Altenberger Gegend oberhalb Freibergs bis zu den Erhebungen dann auf der böhmischen Seite, wenn es auf Fichtel- und Keilberg im Süden zugeht. Eine waldreiche Gegend war dies und auch hier müssen wir an Anna denken. Bis in die höchsten Gipfellagen ließ sie von einheimischen Frauen Heil- und Gewürzkräuter sammeln, die hier besondere Kräfte sammelten und dann in Annas Labors und Destillierhäusern sowie Küchen verarbeitet wurden. Streng ließ sie die Verwalter in den obererzgebirgischen Ämtern darauf achten, dass ja nicht zu zeitig und vor allem auch nicht zu rabiat gesammelt wurde. Wir bemerken so manchen Hinweis auf die Sorgfalt des Kurfürstenpaares im Umgang mit der Natur, wenigstens im Rahmen der damaligen ökologischen Kenntnisse.