Heilen und Blühen

Nun aber denken wir uns einfach, dass Anna alles zusammenschüttet, was aus Kräutern, Früchten, Wurzeln in den Gärten und in der freien Natur zu sammeln und zu ernten war: das ist zwar übertrieben, denn die Kurfürstin wählte sehr wohl immer genau aus, was in ihre Mixturen, Tinkturen, Tabletten, Pulver gehörte. Aber aus einer kaum vorstellbaren Vielfalt  von Zutaten mischte sie den berühmten, viel begehrten  Kräuterbranntwein, der auch als Likör ausgeschenkt wurde, vor allem freilich musste er Heiltinktur sein.

Aqua vitae – Wasser des Lebens , Lebenswasser, wie es von Anna damals vor fast 500 Jahren gebrannt  wurde, entstand in ihren Laboren in 181 Sorten. Es gab eine weiße und eine gelbe Variation des Aqua vitae, der weiße soll stärker gewesen sein, gut geschmeckt haben offenbar beide. Aber im Alkoholgehalt abgestuft müssen alle Sorten gewesen sein, vom dem Heilwasser bis zum scharfen Männerschnaps, der manch hochrangigen Potentaten glatt umgehauen haben soll. Gerne griffen die Frauen zu den zarteren Kräuterlikören, so, wie Anna selbst. Das auch ohne Krankheit, versteht sich.

Die Kurfürstin hatte ihre festen Rezepturen, niemand sonst kannte sie, außer – zumindest in Grenzen – der ältesten Tochter Elisabeth.

Aber wir wären sehr ungerecht, wenn wir Annas Destillation nur als Mittel des Betrink-Vernügens sehen wollte. Erstrangig war Aqua vitae als Heiltinktur gedacht und es gibt ebenso viel Bekundungen der medizinischen Wirkung wie der fürstlichen Gelage. Der große und wachsende Bedarf veranlasste den Kurfürsten, für seine Frau Extra-Destillierhäuser bauen und einrichten zu lassen, so in Stolpen und in Annaburg, wo sie vier große Brennöfen zur Verfügung hatte.

So können wir uns hier im Annagarten getrost vorstellen, dass die meisten der Heil-und Würzkräuter, die hier gedeihen, bei Anna in der Destillation vertreten waren, in welchen Mischungen und Nuancen auch immer. Kümmel war jedenfalls dabei, Fenchel natürlich, wahrscheinlich auch Angelika, die im oberen Erzgebirge einem speziellen Kräuterschnaps Gehalt und Geschmack gab, bis heute. Dier salso und jenes – oder eben: alles. Anna soll bei den Mischungen sehr eigenwillig vorgegangen sein und den Hauptzweck jedenfalls erreicht haben: Es half heilen und es schmeckte.